Juandalynn R. Abernathy

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1. Seit März 2020 lebst Du mit der Pandemie – wie hat sich Deine Arbeit verändert und was empfindest Du im Rückblick?

Es war bis zu diesem Zeitpunkt unvorstellbar, dass alle künstlerischen Aktivitäten von heute auf morgen aufhören würden.

Meine Konzerte und Auftritte fielen allesamt Corona zum Opfer. Neue Termine wurden festgelegt, konnten aber nicht stattfinden.

Anfangs hatte ich noch die Hoffnung, dass wir die Situation schnell überstehen.
Aber je länger der erzwungene Stillstand dauerte, desto hilfloser fühlte ich mich.

Selbst die Hochzeiten und andere festliche Anlässe, auf denen ich sonst regelmäßig singe, waren nicht möglich.
Ebenfalls wurden die Vorträge, die ich von Zeit zu Zeit halte, verschoben oder gecancelt.
Nur ein einziger Online-Vortrag konnte überhaupt stattfinden. Natürlich ist das nicht dasselbe wie eine Präsenzveranstaltung.

Auch meine Arbeit als Gesangspädagogin veränderte sich innerhalb kürzester Zeit dramatisch.
Gesangstunden in der Musikschule durften seit Beginn der Pandemie nicht mehr stattfinden.

Meine Gesangschule bekam die Folgen auch drastisch zu spüren.
Durch den fehlenden Präsenzunterricht schrumpfte die Anzahl meiner Privatschülerinnen und Schüler auf ein Minimum.
In dieser Situation konnte ich auch keine neuen Schülerinnen und Schüler dazu gewinnen.

Leider wird Online-Unterricht für Gesang kaum angenommen, da Musik und Gesang von Gemeinschaft und Verbindung lebt. Musik sind nicht nur Töne, sondern Interaktion, Atmosphäre und auch Körperkontakt. Das alles kann Online-Unterricht nicht vermitteln.

Meiner Arbeit als Chorleiterin von drei Chören konnte während der gesamten Pandemie kaum nachgehen. Auch das vermisse ich sehr.

In den Sommermonaten hatten wir wieder etwas Mut gefasst und damit begonnen, neue Werke einzustudieren.
Aber all das mussten wir wieder abbrechen, Termine für Auftritte und Konzerte absagen und unsere Zusammenkünfte einstellen.
Ich hoffe sehr, dass unsere Chormitglieder diese Zeit gut überstehen und – sobald es möglich ist – wieder die Lust am Singen entdecken.

2. Was hat Dir in dieser schweren Zeit geholfen, Dich selbst zu motivieren, durchzuhalten und weiterzumachen ?

Ich habe Rückhalt von meiner Familie, besonders von meinem Bruder in den USA, bekommen.
Auch viele Freunde waren für mich da.
In dieser Zeit habe ich gelernt, wer meine wahren Freunde sind, denn Hilfe kam manchmal von unerwarteter Stelle.
Sie haben mich immer wieder dazu motiviert weiterzumachen.
Ebenso halfen sie mir dabei, einige Online-Konzerte und Live-Übertragungen auf die Beine zu stellen.

Ich habe die Zeit genutzt, um ein Herzensprojekt, ein Musical für Kinder und Jugendliche, das sich mit dem Leben von Martin Luther King beschäftigt, voranzutreiben. Die ersten Proben werden voraussichtlich Anfang 2022 stattfinden, und die Organisation des Konzertes ist so gut wie abgeschlossen.
Zurzeit Netzwerke ich viel, um Sponsoren für dieses Event zu finden. Die Pandemie hat uns ausgebremst und es ist umso wichtiger die Finanzierung zu organisieren, damit das Musical im Jahr 2023 aufgeführt werden kann. Dieses Event vermittelt kulturelle Bildung über einen sehr wichtigen Teil US-Amerikanischer Geschichte und schafft dafür Bewusstsein.
Gleichzeitig möchte ich kreative Arbeit mit Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund, aber auch für alle anderen fördern. Es ist auch meine Geschichte und ich möchte mit ihr meine persönliche Erfahrung weitergeben.

In dieser Zeit habe ich auch ein Kinderbuch gestaltet. Diesen Plan hatte ich schon lange im Kopf – jetzt war die beste Gelegenheit, das Vorhaben zu verwirklichen.
Gemeinsam mit meinem Co-Autor hauchen wir dieser Idee Leben ein und freuen uns sehr auf die Veröffentlichung, voraussichtlich Anfang 2022.

Große Motivation und Antrieb gaben mir mehrere Anfragen für Fernsehinterviews, denen ich gern nachgekommen bin. In diesen Gesprächen spielte aber der künstlerische Aspekt nur eine untergeordnete Rolle – meine Meinung zur Freiheitsbewegung Black Lives Matter in den USA, Rassismus in Deutschland und um die Präsidentenwahl in den USA vor einem großen Publikum war hier gefragt.

3. Ab November 2020 gab es weitere komplette Einschränkungen für die Kulturbranche. Wie hat Dich das belastet, gerade in der Weihnachtszeit und Anfang 2021?
Wie bist Du damit umgegangen?
Was waren Deine größten Sorgen in der Zeit?

In der Weihnachtszeit ist es besonders schmerzhaft, wenn Konzerte und Gottesdienste nicht stattfinden können.
Für mich als Sängerin gehört das einfach zur Weihnachtszeit dazu.
Die Stille hat mich sehr traurig gemacht.
Meine Chöre konnten ihre traditionellen Weihnachtskonzerte nicht präsentieren.
Aber auch ich konnte nicht ein einziges Konzert oder einen Gottesdienst musikalisch gestalten.
Neben der emotionalen Enttäuschung musste ich in dieser Situation auch mit massiven finanziellen Einbußen kämpfen.

4. Viele Maßnahmen und Einschränkungen wurden in den 14 Monaten umgesetzt, welche Folgen hatten diese für Dich persönlich und Dein berufliches Leben ?

Auch wenn sich die Corona-Lage langsam etwas entspannt, werden bis in den Sommer kaum Auftritte, wie wir sie bisher kannten, stattfinden können.
Noch sind alle Hochzeiten, Konzerte und Vorträge, bei denen ich mitwirken sollte, nicht neu terminiert.
Manche Veranstaltungen wurden auf 2022 verlegt, andere wurden ohne Ersatztermin abgesagt. Dabei wäre ich so glücklich, wenn ich endlich wieder singen könnte. Ich muss mich sehr disziplinieren, um in der langen Wartezeit das Üben nicht zu vernachlässigen.
Auch für die Chorproben können wir noch keine belastbaren Pläne erstellen. Wir alle hoffen zwar, dass wir bald wieder gemeinsam singen können, aber noch gibt es keinerlei konkrete Planungen.
Genauso ist es mit dem Einzel-Gesangsunterricht.
Ich hoffe sehr, dass sich die Situation weiter entspannt, so dass es endlich wieder gefahrlos möglich ist, Präsenzunterricht anzubieten und durchzuführen.
Online-Lösung sind in meiner Branche einfach kein Ersatz!

5. Seit 14 Monaten liegt nun fast die gesamte Kulturbranche brach, keine Konzerte, oder Veranstaltungen, somit keine Einnahmen.
Wo siehst Du für Dich Licht am Ende des Tunnels?
Wie lange kannst Du weiter durchhalten?
Was sind Deine jetzigen Planungen?

Ich hoffe sehr, dass zumindest der Gesangsunterricht wieder regelmäßig stattfinden kann und bin auf diese Einnahmen angewiesen. Allerdings decken sie meine Unkosten bei weitem nicht.
Deshalb sind mir vor allem die Konzerte, Auftritte und Vorträge wichtig – aber nicht nur aus finanziellen, sondern insbesondere aus künstlerischen und emotionalen Gründen.
Es fehlt mir einfach unglaublich, auf der Bühne zu stehen und zu singen.
Ich bin aber zuversichtlich, dass die Impfungen uns wieder ein Stück Normalität zurückbringen werden.
Ich möchte zukünftig mehr auf Online-Auftritte als Alternative setzen. Damit bin ich unabhängiger von äußeren Faktoren, erhöhe meinen Bekanntheitsgrad und kann meine Arbeit präsentieren.
Wie bereits erwähnt stecke ich in den Vorbereitungen für ein Kindermusical und habe die Zeit für ein weiteres Projekt genutzt: die Gestaltung eines Kinderbuchs.
Die Idee hatte ich schon lange – jetzt habe ich endlich die Zeit gehabt, sie zu verwirklichen.
Das Buch erscheint voraussichtlich 2022 in der Kinderbuchreihe representation matters. Mein Buch „Sing, Juandalynn, sing!“ erzählt meine Kindheitsgeschichte:
Von meiner Geburt in Montgomery über das Bombenattentat auf unser Elternhaus bis hin zu den Selma-to- Montgomery-Märschen und dem Marsch auf Washington.
Es erzählt nicht nur die Geschichte eines kleinen Mädchens, das Zeitzeugin der US-Amerikanischen Freiheitsbewegung um Martin Luther King Jr. wird, sondern zeigt auch meine Leidenschaft für die Musik und meine persönliche Entwicklung zur klassischen Sängerin.

Ein weiteres Projekt, an dem ich beteiligt bin, dass mich ebenfalls sehr begeistert ist die Initiative Human DignIty – M-Box for all nations. Dieses Projekt beschäftigt sich mit einem Thema, das mir sehr am Herzen liegt und das von internationaler Bedeutung ist.
Es geht um die Unantastbarkeit der Menschenwürde der jeweiligen Nation und bedeutet, dass jeder Mensch mit dem Recht geboren wird, in Freiheit und Würde zu leben, unabhängig von Hautfarbe, ethnischem und kulturellem Hintergrund, Geschlecht, Glaube oder Religionszugehörigkeit. Ich möchte diesem Projekt mit meiner Herkunft und meinem Hintergrund eine Stimme verleihen.

6. Was erwartest Du für Dich in der Kulturbranche bis Ende 2021 und insbesondere für 2022 ?

Ich setze große Hoffnungen in die nächsten Monate.
Es ist enorm wichtig für mich, dass sich der Kulturbetrieb wieder normalisiert bzw. neue Wege findet.
Wir werden neue Konzepte benötigen, wenn wir Veranstaltungen in Zukunft möglich machen wollen. In den vergangenen Monaten sind von vielen Künstlern dazu intelligente Ideen entwickelt worden, die ich mir auch gern zunutze machen möchte.

Vielleicht werden große Konzerte wie vor der Pandemie nicht mehr stattfinden können.
Ich denke, dass wir Künstlerinnen und Künstler uns auf die Digitalisierung einstellen müssen und die digitalen Medien erfolgreich für uns nutzen sollten.

Trotzdem hoffe ich, dass ich ab Herbst 2021 wieder Konzerte und Auftritte geben kann, dass wir unsere Chorproben wieder aufnehmen können – möglicherweise in neuer Form – und dass auch der Gesangsunterricht wieder Fahrt aufnimmt und viele Menschen Gesangstunden nehmen.

Vielleicht auch solche, die erst durch die Einschränkungen der Pandemie ihr neues Hobby „Musik“ entdeckt haben. Alle meinen bisherigen SchülerInnen und Schüler wünsche ich, dass sie die schwierige Zeit gut überstanden haben und wieder Freude am Singen finden.

Ich freue mich schon jetzt auf meinen ersten Auftritt nach so langer Zeit.
Es wird ein Symbol der Hoffnung sein und wahrscheinlich Anfang 2022 Wirklichkeit werden.
Meine Projekte (Musical, Kinderbuch usw.) möchte ich zum Abschluss bringen, um wieder Raum und Zeit zu haben, um neue Ideen und Projekte zu entwickeln.

7. Welches Projekt-/e kannst Du im Rückblick seit März 2020 für Dich selber als wichtig erachten ?

Ganz klar: mein Musical und mein Kinderbuch haben mir sehr viel Energie und Optimismus in der Krisenzeit gegeben.
Ich bin auf das, was ich mit der Hilfe von Freunden auf die Beine stellen konnte, sehr stolz und unendlich dankbar.
Ein weiteres Highlight war meine Teilnahme an der Fernseh-Casting-Show “The Voice Senior”, für die ich unter 30.000 MitbewerberInnen und Bewerber für die Live-Shows ausgewählt und beim Sender SAT1 vrr einem Millionenpublikum ausgestrahlt wurde.

Außerdem habe ich Vorträge für Schulen erarbeitet. Diese Vorträge richten sich an Grund- und Mittelschulen. Ich spreche als Zeitzeugin darüber, wie ich diese Schlüsselperiode hautnah miterlebt habe und mache die Geschichte der US-amerikanischen Freiheitsbewegung um Martin Luther King Jr. für diese Kinder und Jugendlichen erlebbar und nachvollziehbar.

Ich habe diese Vorträge habe ich im Rahmen des „Black History Month“ und des „Martin-Luther-King-Gedenktages“ online vor hunderten von SchülerInnen und Schüler gehalten (u.a. an der German International School of Silicon Valley). Diese Arbeit ist, vor allem vor dem Hintergrund der Black Lives Matter Bewegung, überaus wichtig und hat mich sehr erfüllt.
Ich möchte auch in Zukunft meinen Teil zu einer besseren und gerechteren Gesellschaft beitragen und junge Menschen für wichtige Themen sensibilisieren.

8. Es gibt erste Lichtblicke für die Kultur, Öffnungen bestimmter Konzerthäuser (Hamburg, London, Paris, NY und mehr), aber mit hohen Auflagen.
Was erwartest Du für Deine eigenen Planungen?
Gibt es schon Anfragen oder Zusagen für Konzerte für die nächsten Wochen und Monate ?

Wie bereits erwähnt, warten einige Projekte auf die Fertigstellung. Das oben genannte Musical und das Kinderbuch liegen mir dabei besonders am Herzen, sowie auch das Projekt der Initiative Human DignIty – M-Box for all nations für das ich Schirmherrin bin.
Kunst, Kultur, Kreativität und die Verbindung zu anderen Menschen sind ein sehr großer Teil meines Lebens und ich kann es kaum abwarten, wieder in allen Bereichen aktiv zu sein und in meine Normalität zurückzukehren.

Die Situation ist nach wie vor sehr schwierig für mich, da diese lange Zeit viel Durchhaltevermögen und einen langen Atem voraussetzt, der mir – ehrlich gesagt – manchmal ausgeht.
Meine Freunde, Familie und Unterstützer motivieren mich dann immer wieder aufs Neue.

9. Gibt es etwas Besonderes, worauf Du dich persönlich besonders nach Corona freust ?

Für mich geht es um die einfachen Dinge im Leben:

Ich möchte endlich wieder singen, um anderen Menschen Freude zu bereiten und möchte mir endlich keine Sorgen mehr machen müssen – weder wegen des Virus noch wegen der fehlenden Einnahmen.

10. Weitere Hinweise von Dir, die uns neugierig machen und erfreuen, lass uns teilhaben an dem was Dich umtreibt…..:

Ich wünsche allen KünstlerInnen und Künstlern eine erfolgreiche, glückliche Zukunft nach der Pandemie.

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